Bleib wie du bist

«Tschüss und bleib, wie du bist». Seit Kindsbeinen irritiert mich dieser Wunsch zum Abschied. Eine von vielen Floskeln, die mich bis ins Mark erschüttern und bei mir viel mehr Fragen hinterlassen als alle leeren Felder im Kreuzworträtsel zusammen. Ich soll bleiben, wie ich bin? Ein schlechter Wunsch in jedem Sinn. Wenn ich aber zum Abschied freundlich lächelnd wünsche: «Tschüss und bleib nur nicht wie du bist» stosse ich jedoch meist auf grössere Irritationen als beabsichtigt.

Ähnlich verhält es sich mit: «Geht’s dir gut?». Eine einfache, freundliche, geschlossene Frage zu Beginn einer Begegnung. Mein inneres Parlament steht kurz vor dem Kollaps: Was soll ich sagen? Wem gegenüber soll ich ehrlich sein? Was ist sozial erwünscht? Wie balanciere ich Ehrlichkeit und Höflichkeit? Ist es die richtige Person für Ehrlichkeit? Um nur eine Auswahl der Fragen meiner inneren Debatte zu notieren. Meine aktuelle Eierlegendewollmilchsau-Antwort: «Es gibt Bereiche in meinem Leben, in denen es gut läuft». Diese ausgeklügelt raffinierte Erwiderung führt dazu, dass ich sowohl ehrlich als auch höflich bin, dass ich einerseits nicht lüge und andererseits nicht zu viel preisgebe. Ein kluger Schachzug könnte man denken. Leider eilt mir seither maximal der Ruf voraus, eher kompliziert zu sein. Damit kann ich gut leben – jedenfalls besser als in einer hitzigen inneren Arena-Debatte.

Bleib wie du bist. Abschied fällt mir schwer. Ich hüte mich tunlichst und wähle gern den französischen Weg. Ohne Worte in meiner Sprache heisst: Danke, es war schön. Ich habe gelernt, bin vorwärtsgekommen, habe mich inspirieren lassen und bin eine andere als vor unserer Begegnung. Ich bin nicht mehr, wie ich war.

Möglicherweise verbirgt sich hinter der Bleib-wie-du-bist-Floskel der Wunsch nach Standfestigkeit und Treue. Bleib wie du bist, du hast gute Werte. Jene Werte die uns als Navigationssterne am Himmel des Lebens dienen, die uns Orientierung geben und wonach wir uns mehr oder weniger lebenslänglich ausrichten. Bleib deinen Werten treu, bleib wie du bist. Eine andere Erklärung ist die Alt-Gier die uns verleitet uns zu wünschen, dass wir bleiben, wie wir sind und uns Stillstand und Stagnation wünschen. Alt-Gier als Gegensatz zu Neugier: die Freude am Alten, am Bisherigen, am Status-Quo, an der Nicht-Entwicklung. Sie kann genauso leidenschaftlich anziehend sein, wie ihre gegenteilige Schwester Neugier und ist meines Erachtens ein Phänomen unserer Zeit.

Meine Sterne am Lebenshimmel leuchten für Liebe, Neugier, Entwicklung und Chancengerechtigkeit. Vielleicht gerade deshalb bin ich hier in einem Dilemma, weil für mich der Bleib-wie-du-bist-Wunsch in die gegenteilige Richtung bläst.

Tschüss SRG Aargau Solothurn, danke, es war schön, verzeih den französischen Abgang. Ich wünsche dir, dass du dich von den Menschen, die dich gestalten, berühren und formen lässt. Ich wünsche dir, dass du in Bewegung bleibst, dass du in einem Jahr nicht mehr dort stehst, wo du heute bist, dass du lernst und dich entwickelst. Ich wünsche dir die Ausrichtung an der Ausgewogenheit, der journalistischen Qualität und einer funktionierenden Demokratie. Bleib nicht wie du bist. Au revoîr.

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